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Der letzte Zug

Der Mond scheint hell, zu hell für diese Stunde. Eisblau fließt sein Licht über Berge, Wälder, überdeckt den kleinen Ort im Tal, das vor Ewigkeiten vom Schöpfer scheinbar übersehen worden war. Der Mondschein vergisst nicht den Bahnhof, der einsam neben einem Schienenstrang seinem Ende entgegendämmert.
Dieses blau verwandelt die Welt. Sodass man Bäume, Sträucher, ja regungslos dastehende Menschen als Schatten wahrnimmt.
Ein Tag beginnt; aber dieselbe Nacht bleibt über dem Dorf liegen.
Nicht die kleinste Fährte eines Vogels, weder der Handabdruck eines Kindes, noch weniger die Fußspuren eines Erwachsenen auf dem Schnee zeugen von der Anwesenheit eines Lebewesens.
Dennoch steht vor dem Bahnhof ein Mann. Sein Lodenmantel verschmilzt mit dem Weiß des Schnees. Sein Hut mit dem des Nachthimmels. Die Augen glänzen unter der ausladenden Krempe. Die Hände in den Manteltaschen gesteckt, schaut der Fremde den Gleisen entlang, die im Norden hinter den Bergen verschwinden.
Wolkenbänke rollen heran. Sie zerren an den Berggipfeln. Stürmen zwischen ihnen hindurch. Als Gefangene des Tales stoßen sie an Berghänge, fliehen zurück, um über dem Dorf ihre weiße Last abzuwerfen. Dieses Unwetter entfacht jene Bedrohungen, die in manchem Ehrfurcht erzeugt, ihn in Angst erstarren lässt. Ihm zeigt, wie rasch Vergängliches hereinbrechen kann. Das Schauspiel gebietet, dem Menschen in Demut auszuharren. Machtlos jenes Unvorhersehbare anzunehmen, wie das Leben es bereithält.
Orkanböen kreischen um den Bahnhof, stürmen auf den Unbekannten ein. Werden zurückgedrängt. Sie wiederholen ihr teuflisches Spiel.
Beharrlich.
Sie möchten den Mann auf den Schotter hinabstoßen.
Vergeblich.
Die Wolkenhorden rufen zum Gefecht.
Das Sternenheer flieht vor diesem Angriff in die Dunkelheit. Ebenso der Mond mit seiner Lichtfülle. Und mit ihm jener Glanz, der in bitterkalten Vollmondnächten dieses Tal in ein Gemälde verwandelt das kein Künstler jemals annähernd nachzumalen könnte.
Das Unwetter rüstet auf, schickt Eisstürme ins Tal. Sie verhöhnen den Bahnhof, den Fremden, die hilflos dastehenden Laternenmasten.
Nicht der kleinste Funke ihres Lebenssaftes kann sie mehr erreichen. Einzig an einem Mast schwingen zwei dieser ölig gelb eirkenden Leuchten. Vom Verfall ausgestoßen scheint ihr Licht mit beinahe greifbarer Trauer auf den Schnee. Sie spielen mit dem Gelände. Sie reißen das Bahnhofsgelände aus dem Lichtmaß, das kaum einen Unterschied zwischen Sehen und Ahnen erkennen lässt. Augenblicklich stoßen sie ihn zurück in den verdreckten Lichtschein.
In dieser Sekunde verliert der Sturm für einen Wimpernschlag seine Macht über die Glasschirme.
Der Fremde geht dem Nebengebäude entgegen. Zielstrebig setzt er einen Fuß vor dem anderen. Die Glut seiner Zigarette leuchtet kurz auf.
Es ist der Moment, an dem die Eisstürme noch einmal aufheulen. In sinnlosen Spiralen tanzen Schneeflocken ihren letzten Reigen.
Die Scharniere der Laternen quietschen.
Der Fremde bleibt stehen.
Der Sturm winselt jetzt nur noch. Seine Macht, die so ewig schien, ist tot. Die Wolken fliehen.
Schwarz glänzt der Himmel, silbern die Sterne. Die Welt findet Zuflucht unter einem Zeltdach aus Samt mit eingewebten Diamanten.Unbeeindruckt verstreut der Mond sein Licht. Ihm ist es gleichgültig, dass er von der voran gegangen Schlacht geflohen war.
Hinter dem Fremden bricht der Frost Zweige von zwei Apfelbäumen. Letzte erfrorene Blätter schweben gemeinsam mit dem gefühlten Duft gefallener Äpfel auf die Schneedecke.
Um das Bahnhofsgebäude liegen Dachziegel. Es bröckelt. Etwas fällt in unregelmäßigen Abständen herab. Ist es der Putz oder rieselt Schnee vom Dach?
Blinde Fenster beweisen, dass dieses Gebäude vor langer Zeit ihren Zweck aufgeben musste.
Strahlten nicht die Augen des Mannes, glühte nicht eine Zigarette, kräuselte nicht Rauch zum Himmel, könnte ein Bild entstehen, dass der Fremde, zur Eisfigur erfror, seine Reise nicht hätte antreten dürfen.
„Es wird Zeit!“ Seine Stimme schwingt zum Nebengebäude. Bringt diese warme, dunkle Klangfarbe Bewegung ins Haus? Vermutlich weht ein flüchtiger Gedanke hinüber!
Eine Lampe leuchtet darin auf. Der Vorhang wird eine Handbreit zurückgezogen. Ein Atemzug später versperrt sie erneut den Blick auf den Bewohner. Wenige Minuten danach flutet ein Schein aus dem Türspalt.
Ein Schatten steigt in das künstliche Licht. Er bleibt unter der Tür stehen. Es gelingt ihm nicht, das Helle etwas einzudämmen.
„Wer da?“
Der Schemen humpelt aus dem Haus. Der schwere Geruch des Petroleums schwebt durch die Kälte. Wenig später steht vor dem Fremden ein alter Mann.
Noch zerrt der Greis an seiner Dienstjacke, rückt seine Mütze zurecht und schaut anschließend auf. Das Licht zittert. Er hebt es hoch, hält es für eine Sekunde auf Augenhöhe.
Das Lebensalter des Mannes erlaubt ihm nicht, die Lampe länger als einen Atemzug hochzuhalten. Das Gesicht des Unbekannten bleibt im Dunkeln.
“Wer sind sie?“ Der letzte Schritt gleicht, dem eines Menschen der von schwerer Krankheit geplagt aufsteht und zaghaft einen Fuß vor den anderen setzt. Schnee knirscht unter seinen Füßen. Sonst ist es still. Diese Winternacht bringt selbst die Melodien des Tales zum Verstummen.
Der Schein der Petroleumleuchte flackert. Die Bahnhofslaternen werfen einen zweiten Schatten auf das Winterweiß. Drei Lichter, ein Fremder und dieser Greis bringen ein letztes Mal Leben auf den Bahnsteig.
„Was wollen Sie? Hier gibt es nichts das sich für Sie lohnt.“ Die Worte beben sanft. Drei Fingerkuppen der rechten Hand ruhen auf seinen Lippen.
Der Unbekannte schweigt. Es zwingt den Alten zum Reden.
„Mein Name ...“
„Ich heiße Wilhelm.“ Leichtes Aufbegehren liegt in seiner Stimme.
„Wilhelm Pergande. Ich bin ... War Bahnhofsvorsteher. Fünfundzwanzig Jahre sechs Monate und zehn Tage. Dann wurde die Strecke stillgelegt. Auf den Tag vor zwanzig Jahren.“ Es kostet ihn Kraft, den Kopf anzuheben. Sein Rücken zerbricht beinahe unter der Last seines Lebens. Doch in seinen Augen ruht eine erfahrungssatte Zeit. Einzig die Knöpfe an seiner Dienstjacke glänzen unverändert. Von Anbeginn seiner Dienstzeit bis zum heutigen Tag.
Sein Pflichtgefühl treibt Wilhelm dem Fremden entgegen. „Es geschah genau um siebzehn Uhr fünf.“
„Seitdem fährt kein Zug mehr.“ Sprichts, nimmt seine Dienstmütze vom Kopf, kratzt sich hinterm Ohr. „Nichts kommt vorbei.“ Er setzt sie an seinen angestammten Platz.“
Sie erlaubten mir meinen Lebensabend ...“ Seine Hand geht über die Schulter, seine Finger zeigen zum Nebengebäude. „Bis - Sie wissen ...“
„Ja! Wilhelm.“
„Außer mir wohnt hier niemand mehr.“
„Meine Kinder sind weggezogen.“ Dabei zeigt dieselbe Hand auf die Apfelbäume vor ihm. „Hab ich gepflanzt, als Jennifer und drei Jahre später Jürgen zur Welt kam.“ In seiner Stimme schwebt Wehmut. „Meine Frau ist tot; sie starb vor zehn Jahren und achtundzwanzig Tagen.“
„Im Dorf gibt es eine Haltestelle. Von dort fährt ein Bus zur Stadt. Aber erst morgen früh.  Sie müssen im Dorfkrug ein Zimmer mieten.“
„Ich warte hier.“
„Worauf?“
„Auf den letzten Zug.“
„Sie - Sie warten vergebens“, bezeugt der Greis, als sein leises Lachen mit ein paar Tränen endet.
„Keinesfalls!“
„Auch wenn - was nicht durchführbar ist, ein Zug einfährt. Die Lok käme nicht weiter.“ Wilhelm zeigt zum Prellbock.
„Gott sei Dank“, erwidert der Fremde.
„Weshalb sollte hier ein Zug einfahren? Außerdem hat der Rost die Gleise zerfressen. Also verschwinden Sie.“ Die Petroleumlampe pendelt zum Ausgang. „Hier ist Endstation. Verstehen sie. Seit zwanzig Jahren, fünf Monaten und zehn Tagen.“
Wilhelm dreht ihm den Rücken zu. Er friert. Sein einziger Wunsch ist sein Sessel am Kamin. „Einen alten Mann reinzulegen. Abscheulich.“ Die Leuchte zittert.
Plötzlich ist es still.
So still das ein einsamer Reisender gegen die Winternacht ankämpfend das Wartehäuschen verlässt und besorgt nach dem erhofften Zug Ausschau halten würde.
„Es ist so weit.“ Der Fremde hebt den Kopf. Seine Zigarette fliegt auf das Gleis. Es zischt beinahe lautlos.  Gebannt geht sein Blick am Bahnhofsvorsteher vorbei zum nördlichen Horizont.
Abwechselnd stampfend, fauchend bewegt etwas die Nacht. Drückt sie zusammen, bis ein winziges Licht entsteht. Ein Empfinden überwältigt Wilhelm, trifft ihn in seiner Seele. Es verändert ihn.
Nein!
Es bereitet ihn auf Gewaltiges vor. Es ist nur für ihn vorgesehen. Es erwählt ihn.
Der Geruch verharschten Schnees ist gebrochen. Dieses Tal, sein Bahnhof, die Gleise versinken in einem Blütensee. Veilchenduft steigt heraus. Dahinter weben Aromen von unzähligen Lindenblüten mit dem Schleier eines Sommerabends im August einen Schienenstrang hinauf ins unendliche Rotgold des Himmels. Der Duft frisch gekochten Kaffees erfrischt ihn. Er nimmt seine Schmerzen von ihm. Wilhelm atmet tief durch. Sein Rücken zwingt ihn nicht mehr seine Tage gebeugt zu verbringen; niemals wird Leid mehr seinen einsamen Nächten den Schlaf rauben.
Des Fremden Augen strahlen. Stetiger Friede glitzert darin. An seinen Mundwinkeln schwebt Freude. Zu winzig zum übersehen; zugleich derart gewaltig, dass es je ein Mensch begreifen mag.
Die Luft schmeckt nach reifen Pfirsichen. Nach Kostproben von Süßkirschen, die mit den Lippen vom Baum gepflückt wurden.
Die Zeit ist reif, da Wilhelm dem Fremden ins Gesicht sehen darf. Der Besucher erscheint ihm unendlich alt, obwohl kein Fältchen je ein Lebensjahr in seine Wangen zeichnet.
Eine Melodie rührt an seiner Seele. Zärtlich streicht sie darüber. Eine Weise erklingt, die nur von ihm gehört werden kann. „Wer bist du?“, staunt der alte Bahnhofsvorsteher.
„Ich bin der Bote.“ Er schaut erneut zur Uhr. Das Ziffernblatt funkelt, sendet Lichtfontänen in alle Winkel des Tales. Es vertreibt jeden Schatten auf dem Bahnsteig. Es schmilzt den Schnee von den Gleisen.
Wilhelm hält den Atem an. Die Natur, das Dasein tut es ihm gleich.
Vereinzelt gehen Menschen am Bahnhof vorbei. Das Gesicht vor der Kälte vergraben, noch nicht reif das Schauspiel anzusehen. Über dem Horizont wandert ein winziger Streifen hellblauen Lichts.
Ein Wimpernschlag später atmet die Natur weiter.
Wilhelm muss es nicht.
„Es ist also an der Zeit.“ Seine Stimme erklingt. Befreit - zeitlos, ewig.
Der Bote nickt. Es nimmt dem Bahnhofsvorsteher jeden Zweifel. Dieser Mann verkörpert - Wahrheit.
„Dein Zug kommt!“ Der Bote zeigt nach Norden.
Rauch steigt hinter dem Horizont in den Himmel. Er schmückt das Blau mit Wattebäuschen. Die Schienenstränge glänzen silbern. Eine Lokomotive stampft herbei. Grün ist sie mit einem roten Streifen um ihren Bauch. Die Räder schimmern in purem Gold. Girlanden hängen am Waggon.
Zwischen dem Schotter blühen Veilchen. Reichhaltiger als Sterne einer klaren Winternacht. Farbenprächtiger als jedes Bild eines Kindes.
Der Zug steht. Die Räder drehen noch einmal durch. Zischen, Pfeifen. Das Rufen von Reisenden schallt über den Bahnsteig. Töne seines Leben schwirren heran. Dampfschwaden umwehen den Boten, haschen nach Wilhelm. Umarmen ihn, begrüßen ihn wie einen lang Ersehnten. Vergangenes ist gegenwärtig, Zukünftiges ist heute. Zeitlose Dauer streichelt seine Wangen.
Ein Zugbegleiter überwindet mit einem Sprung die Stufen auf den Beton hinunter. Ein kaum sichtbares Nicken unterstützt seine Worte: „Bitte einsteigen, Herr Kollege. Ein Fensterplatz ist für sie reserviert.“
Wilhelm steigt die drei Eisenstufen hoch, geht in den Waggon. Staunen überwältigt ihn; vermischt mit Freude.
Im Speisewagen empfängt ihn seine Frau. Mutter und Vater sitzen an seinem Tisch. Aus Ebenholz ist dieser geschnitzt. Die Schöpfung gab dem edlen Schwarz winzige rotbraune Streifen mit. Eine Damastdecke aus lebendigem Weiß bedeckt dieses Möbelstück. Über den Bänken liegt Samt. Purpur schimmert es. Brokat aus Gold umarmt das Tuch.
Alte Freunde heben ihr Glas.
Silbernes Besteck, edelstes Porzellan dazu feinste Kristallgläser laden zum Feiern ein.
Noch überwältigt nimmt Wilhelm an seinem Tisch platz.
Der Bote steht am Bahnsteig. „Sie fahren nicht mit?“, ruft er aus dem Fenster.
„Nein mein Freund.“
Das Tal mit dem Bahnhof fließt aus dem Blickfeld.  Die Bilder der Welt zergehen.
Der Zug rast am Prellbock vorbei. Feuer züngelt. Dahinter greifen dunkle Nebelklauen nach dem Gefährt. Sie verlangen, in den Waggon einzudringen. Sie lechzen danach Wilhelm herauszuzerren aus dem Glück. Der Zug kämpft mit einer bösartigen Wand aus klebrigem Schwarz. Er wird langsamer.
Der Greis schaut verzweifelt.
Seine Zugbegleiter lächeln.
Der Zug ist durch.
„Womit hab ich das verdient.“ Die Worte kämpfen gegen den Fahrtwind.
›Viele Fehler - gemacht! Menschen gekränkt‹, denkt der alte Mann.
›Gewiss!‹, antworten die Gedanken des Boten. ›Dein Dasein prägte jedoch mehr als nur gedankenlose Pflicht. Dein nachsichtiges Wesen zählt. Du hast einmal mehr verziehen. Mehr um Verzeihung gebeten als nötig. In deiner Lebenszeit lebte Neugierde. Sie nutzte dir und deinen Mitmenschen.  Ein vollwertiges Maß Demut ruht auf deiner Waage des Lebens.
‹Aber mein Junge. Ihm brachte mein Wissen keinen Nutzen. Jürgen geht auf dem falschen Weg!‹
„Das ist nicht deine Schuld. Jetzt auch nicht mehr dein Problem.‹
›Wird er wieder auf den rechten Weg gehen?‹ Doch dieser Schmerz ist ihm ebenfalls genommen. Die Frage bleibt gemeinsam mit der Antwort zurück.
›Wohin fährt der Zug?‹
Der Fahrtwind trocknet alle ungeweinten Tränen. Er trägt die letzten Worte des Boten an sein Herz.
›Nach Hause mein Freund.‹