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Der Unsichtbare

 

    Ferdinand war tot. Zuerst bemerkte er es selbst nicht.
    Es geschah am Heiligabend. Das erste Mal in seinem Leben musste er an diesem Tag arbeiten. Ein kleiner Buchungsfehler in der Bilanz, den er nicht finden konnte, zwang ihn Überstunden zu machen. Um fünfzehn Uhr rief er zu Hause an, um seiner Familie mitzuteilen, dass er später nach Hause kommen würde. Zwar wunderte es ihn, dass nur der Anrufbeantworter anging, beachtete dies aber zunächst nicht weiter.
    Um 16 Uhr hatte er den Fehler gefunden. Erleichtert packte er die Unterlagen in den Safe, löschte das Licht und verließ das Büro. Das Auto war dringend von seiner Frau benötigt worden, weil sie gemeint hatte, heute noch unbedingt zum Friseur zu müssen. Seufzend hatte er nachgegeben.
    Mittlerweile war es schon dunkel geworden; Schneeflocken tanzten im Licht der Straßenlaternen. Es lag eine friedvolle Stille über dem Dorf.
    Der Heimweg an den weihnachtlich geschmückten Häusern vorbei, erzeugte in Ferdinand eine festliche Stimmung. Seit Jahrzehnten hatte er nicht mehr so gefühlt und er genoss den etwas beschwerlichen Weg durch den kniehohen Schnee. Ferdinand freute sich auf den festlichen Gänsebraten mit Grünkohl und Klößen. Es stimmte ihn ein wenig traurig, dass er ihn in diesem Jahr nicht selbst zubereiten konnte; denn das war eines der wenigen Privilege, die er in seiner Ehe immer kräftig verteidigt hatte. Seine Frau hatte ihm hoch und heilig versprechen müssen, dass sie das Weihnachtsmenü, getreu seinen Anweisungen, zubereiten würde.
    Als Ferdinand seinem Vereinskameraden begegnete und der seinen Weihnachtsgruß missachtete, dachte er sich nichts dabei. „Muss mich wohl übersehen haben“, sagte er zu sich selbst. „Will auch nach Hause, es ist ja Heiligabend.“
    Ferdinand betrat mit freudiger Erwartung sein kleines Häuschen. ´Mehr können wir uns nicht leisten`, hatte er beim Kauf zu seiner Frau gesagt und war glücklich über den Erwerb gewesen.
    Ferdinand schloss die Haustür auf und blieb abrupt stehen. Etwas Entscheidendes fehlte, er konnte es nur nicht definieren. Das Grummeln in seinem Magen begann die weihnachtliche Stimmung zu vertreiben. Aus dem Wohnzimmer ertönte die kreischende Stimme seiner Schwiegermutter Erna, untermalt von weihnachtlichen Liedern seiner Kinder. An Erna hatte er überhaupt nicht mehr gedacht.
    Ferdinand betrat als erstes die Küche und blieb wie angewurzelt stehen. Auf dem Herd stand ein Topf mit Würstchen, das Wasser war noch lauwarm und der Inhalt schrumpelte vor sich hin. Pappteller mit Resten von gekauftem Kartoffelsalat standen auf der Anrichte. Nur der Glühwein für Hans, seinem Schwiegervater, den er wie jedes Jahr verabscheute, brodelte fröhlich vor sich hin.
    Wütend wollte er gerade ins Wohnzimmer stürzen, blieb jedoch an der Tür stehen. ´Es ist Weihnachten`, schien ihm eine Stimme ins Gewissen zu reden.
    Leise öffnete er die Tür, ging mit fröhlichem Gesicht zu seinem Lieblingssessel, der in diesem Jahr noch nicht in Beschlag genommen war. Seine gesamte Familie war vollauf damit beschäftigt die überreichlichen Geschenke auszupacken und jedes einzelne zu kommentieren.
    Ferdinand war enttäuscht, dass die Zwillinge ihm nicht wie gewohnt entgegenkamen. «Wird wohl an den Geschenken liegen!», dachte er und setzte sich in seinen Sessel.
    „Ich freue mich ganz besonders, dass du uns dieses Jahr nicht diesen Gänsebraten aufgetischt hast“, sagte Erna, seine Schwiegermutter. Genüsslich schob sie sich eine der Lieblingspralinen, die ihre Tochter ihr geschenkt hatte, zwischen die künstlichen Zähne. „Ich bekomme davon immer drei Tage lang Sodbrennen.“
    „Der Glühwein ist ausgezeichnet“, stieß sein Schwiegervater zwischen einer von den vielen blauen Wolken seiner riesigen Zigarre hervor. „Glühwein ohne Cognac ist etwas für Memmen“, erklärte er mit spöttischem Blick auf das Bild des Hausherrn und wandte sich wieder seiner Zigarre zu. „Du triffst immer meinen Geschmack“, lobte er liebevoll seine Tochter.
    Die Zwillinge waren mit ihren Geschenken, angefangen von Puppen mit überreichem Zubehör, einem Puppenhaus, Kinderpuppenwagen und alles, was man sonst das Jahr über kauft, beschäftigt.
    Ferdinand blieb ruhig sitzen und schaute sich um. Das Geschirr stand achtlos auf dem Tisch. Auf den Tellern vertrockneten Essensreste.
    «Weshalb hat Marga für mich nicht gedeckt?», wunderte er sich.
    Plötzlich leuchteten seine Augen auf. Seine Frau bemerkte das kleine Päckchen, das er am Vorabend heimlich unter die Geschenke geschmuggelt hatte. Mit freudiger Erregung wartete er, bis sie es öffnete.
    „Er hätte ja auch gleich die Ohrringe dazu kaufen können“, äußerte Erna geringschätzig.
    „Ist ja nicht einmal Weißgold, Erna“, kommentierte Hans das Geschenk. „Jetzt kann er es nicht mehr.“ Er trank einen Schluck Glühwein. „Wenigstens das Haus ist bezahlt.“
    „Das ist das wichtigste“, pflichtete ihm seine Frau bei.
    „Ihr bleibt dieses Jahr hier“, sagte Marga zu ihren Eltern und legte das Kettchen um ihren Hals, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dabei hatte es ihn einen halben Monatslohn gekostet.
    So verlief der Weihnachtsabend für ihn, wie er begonnen hatte. Die Lichter des Weihnachtsbaumes waren erloschen. Aus dem Gästezimmer zeigte das röhrende Schnarchen seines Schwiegervaters, dass der Glühwein seine Wirkung vollbracht hatte.
    „Du schläfst heute bei mir im Schlafzimmer“, sagte Marga zu ihrer Mutter.
    „Und wo schlafe ich?“ Doch niemand hörte ihn. „Verdammt! Was soll das?“, brüllte er.
    Die Kinder hatten ihre Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen lassen und waren schon in ihren Betten verschwunden.
    Ferdinand erhob sich und betrachtete den dunklen, beinahe düster wirkenden Weihnachtsbaum. Da entdeckte er ein kleines Geschenk, das niemand ausgepackt hatte. Ferdinand stand in flüchtiger Schrift auf einer kleinen Karte. Langsam hob er es auf, es war federleicht, doch es erschien ihm voller Steine. «Sie hat es wirklich getan!» Tränen standen in seinen Augen.
    ´Wenn du morgen Feierabend machst, kaufe dir noch ein Geschenk. Ich habe keine Zeit`, hatte sie ihm letzte Woche hinterher gerufen. Er hatte einen leeren Schuhkarton genommen, ihn mit Weihnachtspapier umwickelt und ein blaues Band darum geschnürt. „Du brauchst nur noch ein Kärtchen mit meinem Namen daran binden“, hatte er ihr am Abend gesagt.
    Ferdinand betrachtete das Päckchen von allen Seiten. Einen Anhänger mit einem Weihnachtsgruß fand er allerdings nicht.
    «Als wäre ich tot?»
    Er blieb die Nacht über in seinem Sessel. Als morgens Erna auftauchte und das Frühstück bereitete, nahm sie keine Notiz von ihm. Da dämmerte es ihm. „Ich bin gar nicht hier“, sagte er mit trockener Kehle. „Ich war nie hier.“
    Seine Schwiegereltern, die immer am ersten Weihnachtstag wieder abgereist waren, blieben diesmal über die Festtage da. Ferdinand blieb nichts anderes übrig als diese Tage in seinem Sessel zu verbringen.
    Die Feiertage waren vorüber, seine Frau gab Ferdinands Kleidung einem Nachbarn, der sie auf dem Flohmarkt verkaufte. Die Hälfte des Erlöses gab er Marga.
    Der Schnee lag nur noch vereinzelt als verharschter Brocken auf der Straße, da begann seine Frau sämtliche Bilder von ihm achtlos in den Schuhkarton zu werfen, den sie dann in der hintersten Ecke des Kellers verstaute.
    Als sie eines Tages seine Pokale verschenkte, war Ferdinand endgültig verschwunden.